Le Pétomane: Der größte Furzartist aller Zeiten
Paris, 1892. Der Moulin Rouge ist ausverkauft. Auf der Bühne steht kein Sänger, kein Jongleur, kein Varieté-Tänzer — sondern ein Mann in Frack und Zylinder, der gleich mit seinem Hintern Musik machen wird. Joseph Pujol, besser bekannt als Le Pétomane, war das spektakulärste und absurdeste Talent der Belle Époque — und verdiente damit mehr als Sarah Bernhardt, der größte Star seiner Zeit.
Wer war Joseph Pujol?
Joseph Pujol wurde am 1. Juni 1857 in Marseille geboren. Als Kind entdeckte er beim Baden im Meer eine außergewöhnliche Fähigkeit: Er konnte durch muskuläre Kontrolle von Beckenboden und Bauchdecke Wasser und Luft durch den Anus einziehen und wieder ausstoßen — vollständig willkürlich und ohne gastrointestinale Gasproduktion. Das bedeutete: Pujol furzte nicht wirklich im biologischen Sinne — er saugte Luft ein und stieß sie kontrolliert aus. Als junger Erwachsener erkannte er das Unterhaltungspotenzial dieser Fähigkeit und perfektionierte sie jahrelang. 1892 trat er erstmals im Moulin Rouge auf und wurde über Nacht berühmt. Sein Künstlername 'Le Pétomane' — sinngemäß 'der Farzverrückte' — war sein Markenzeichen.
Die Show: Was Le Pétomane auf der Bühne machte
Pujols Auftritte hatten ein festes Repertoire, das er über die Jahre verfeinerte. Er imitierte Tiergeräusche (Hund, Katze, Kuckuck, Biene), spielte erkennbare Melodien (La Marseillaise war ein Publikumsliebling), ließ eine Flöte ertönen, die er über einen dünnen Gummischlauch mit seiner Kloake verband, und blies eine Kerze aus einer Entfernung von dreißig Zentimetern aus. Sein größter Gag: Er blas via Schlauch eine Öllampe aus dem Publikum — und zündete sie durch erneuten Gasdruck wieder an. Das Publikum reagierte regelmäßig mit Ohnmachtsanfällen — nicht aus Ekel, sondern aus unkontrollierbarem Lachen. Krankenschwestern mit Riechsalz standen in den ersten Reihen bereit. Pujol selbst trat immer im eleganten Frack auf und präsentierte seine Kunst mit der Würde eines klassischen Konzertpianisten.
Medizinische Untersuchung und Ruhm
Pujols Talent war so außergewöhnlich, dass Ärzte der Académie de Médecine in Paris ihn untersuchten. Ihr Befund: Sein Sphinktermuskel war anatomisch außergewöhnlich entwickelt und elastisch — eine Kombination aus genetischer Prädisposition und jahrelangem Training. Sie bescheinigten, dass es kein Betrug war, und das medizinische Gutachten steigerte Pujols Ansehen noch weiter. Der Moulin Rouge-Betreiber Oller buchte ihn exklusiv und zahlte ihm ein Honorar, das deutlich über dem von Sarah Bernhardt lag. An Sonntagen — wenn er keine Shows hatte — war der Moulin Rouge geschlossen und signifikant weniger profitabel als an Pujol-Abenden. Er war schlicht das Zugpferd des Etablissements.
Späteres Leben und Vermächtnis
Nach einem Streit über eine nicht-autorisierte Nachahmerin ('La Femme Pétomane') trennte sich Pujol 1895 vom Moulin Rouge und tourte auf eigene Rechnung durch Frankreich. Im Ersten Weltkrieg schloss er sein eigenes Theater und arbeitete in einer Biscuit-Fabrik. Er starb 1945 im Alter von 88 Jahren in Toulon. Sein Grab trägt die schlichte Inschrift 'Joseph Pujol'. Nach seinem Tod verweigerte die Familie lange jede medizinische Untersuchung seiner sterblichen Überreste — ein letzter Akt von Würde für ein außergewöhnliches Leben. Pujol ist heute Gegenstand von Büchern, einer Filmbiografie und gilt als die kurioseste Entertainer-Karriere der Kulturgeschichte.
Wusstest du?
- Le Pétomane verdiente im Moulin Rouge mehr als Sarah Bernhardt — der größte weibliche Star seiner Zeit.
- Krankenschwestern standen bei seinen Auftritten mit Riechsalz bereit — für Besucher, die vor Lachen ohnmächtig wurden.
- Er furzte nicht im biologischen Sinne: Er saugte Luft willkürlich ein und stieß sie kontrolliert aus.
- Die Académie de Médecine in Paris bestätigte sein Talent nach einer formellen medizinischen Untersuchung.
Fun Fact
Als Le Pétomane 1892 seinen ersten Auftritt im Moulin Rouge gab, soll die Reaktion so überwältigend gewesen sein, dass der Abend sofort als Triumph in die Pariser Gesellschaftschroniken einging. Die Zeitung Le Figaro schrieb: 'Dieser Abend hat bewiesen, dass das menschliche Hinterteil ein Musikinstrument ist.' Pujol rahmte den Zeitungsartikel ein und hing ihn in seiner Garderobe auf.
Quellen
- Nohain, J. & Caradec, F. (1967). Le Pétomane. Sherbourne Press.
- Clemens, S. (1995). The Extraordinary Mr. Pujol. Plume Books.
- Moulin Rouge Archives, Paris (various documents, 1892–1895).