Herings-Fürze: Wie Fische mit Blasen kommunizieren
Heringe schwimmen nicht nur in stummen Schwärmen – nachts unterhalten sie sich, indem sie winzige Blasenströme aus ihrem Hinterteil ausstoßen. Forscher nennen es eines der seltsamsten bekannten Beispiele tierischer Kommunikation.
Die Fische, die mit Fürzen sprechen
Anfang der 2000er-Jahre entdeckten zwei Forschungsteams, eines in Kanada und eines in Schottland, unabhängig voneinander, dass Heringe hohe Töne erzeugen, indem sie Luft aus ihren Analgängen ausstoßen. Beide Gruppen zeichneten in verdunkelten Becken Schwärme gehaltener Heringe auf und bemerkten rhythmische Geräuschimpulse, die zunahmen, sobald die Fische dicht beieinander waren. Video- und Hydrofonaufnahmen bestätigten, dass jeder Geräuschstoß mit einem Blasenstrom nahe dem Schwanz zusammenfiel. Weil das Geräusch einem schnellen Prusten ähnelte und aus derselben Körperregion wie ein Furz stammte, beflügelte das Phänomen rasch die Fantasie der Öffentlichkeit. Die Entdeckung war bemerkenswert, weil sie einen völlig neuen Mechanismus der Lauterzeugung bei Fischen aufzeigte – einen, der übersehen worden war, obwohl Heringe zu den meistuntersuchten und wirtschaftlich wichtigsten Arten der Erde gehören.
Fast Repetitive Ticks erklärt
Die Wissenschaftler nannten die Laute Fast Repetitive Ticks und kürzten sie – mit sichtlicher Freude – als FRTs ab. Jeder FRT ist ein Ausbruch von sieben bis fünfundsechzig Impulsen, der bis zu mehrere Sekunden dauert, mit einer charakteristischen Frequenz von etwa 1,7 bis 22 Kilohertz. Entscheidend ist: Die Blasen sind kein Verdauungsgas. Heringe schnappen an der Oberfläche nach Luft und speichern sie in ihrer Schwimmblase, einem inneren gasgefüllten Organ, das den Auftrieb steuert. Wenn sie eine abgemessene Menge dieser Luft durch einen Gang nahe dem After ablassen, entsteht das tickende Geräusch. Der Hering lässt also gar kein Abgas ab, sondern stößt gezielt geschluckte Luft aus. Die Rate der FRT-Produktion steigt mit der Zahl der anwesenden Fische, was darauf hindeutet, dass das Verhalten sozial und nicht bloß ein Nebenprodukt der Verdauung ist.
Warum Heringe im Dunkeln Blasen machen
Die führende Hypothese lautet, dass FRTs Heringen helfen, nach Einbruch der Dunkelheit als Schwarm zusammenzubleiben, wenn das Sehen nutzlos ist. Heringe hören Frequenzen weit über dem Bereich, den die meisten Raubtiere wahrnehmen, sodass ein hochfrequentes Blasensignal einen privaten Kanal bietet, um Nachbarn zu orten, ohne Jäger wie Robben oder Delfine zu alarmieren. Versuche zeigten, dass die FRT-Rate in der Dunkelheit und bei höherer Fischdichte stark anstieg – genau das, was man von einem Kontaktruf zur Aufrechterhaltung des Schwarmzusammenhalts erwartet. Das Schwarmverhalten ist die wichtigste Verteidigung des Herings gegen Räuber, daher bringt jeder Mechanismus, der den Schwarm durch die Nacht bewahrt, einen echten Überlebensvorteil. Das Verhalten könnte auch mit dem Druck der Schwimmblase zusammenhängen, doch der starke Zusammenhang mit der sozialen Dichte deutet klar auf Kommunikation als Hauptfunktion hin.
Kalter-Krieg-Blasen und ein Ig-Nobelpreis
Der Heringsfurz hat eine kuriose militärische Fußnote. Während des Kalten Krieges entdeckte die schwedische Marine wiederholt geheimnisvolle Unterwassergeräusche nahe ihrer Küste und vermutete eindringende sowjetische U-Boote, was kostspielige Suchaktionen auslöste. Jahre später half der Akustikforscher Magnus Wahlberg zu zeigen, dass zumindest einige dieser Phantomsignale eher zu den Blasengeräuschen riesiger Heringsschwärme als zu feindlichen Schiffen passten – eine diplomatische und wissenschaftliche Wendung. 2004 erhielten die beiden Heringsforschungsteams gemeinsam den Ig-Nobelpreis für Biologie, eine Auszeichnung für Forschung, die Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Weit davon entfernt, bloß ein Scherz zu sein, eröffnete die Arbeit ein ernsthaftes neues Feld der Bioakustik.
Schon gewusst?
- Herings-Fürze heißen offiziell Fast Repetitive Ticks, kurz FRTs.
- Die Blasen stammen aus geschluckter Luft in der Schwimmblase, nicht aus der Verdauung.
- FRT-Laute können bis zu 22 Kilohertz erreichen, weit über dem Hörbereich vieler Raubtiere.
- Geheimnisvolle Heringsblasen-Geräusche hielt die schwedische Marine einst für sowjetische U-Boote.
Fun Fact
Die Forscher bemerkten: Je mehr Heringe sie in ein Becken setzten, desto mehr furzten die Fische – genau so bewiesen sie, dass die Blasen ein Mittel zum Plaudern waren und nicht bloß zum Luftablassen.
Quellen
- Wilson, B., Batty, R. S. & Dill, L. M., Pacific and Atlantic herring produce burst pulse sounds, Proceedings of the Royal Society B, 2004
- Wahlberg, M. & Westerberg, H., Sounds produced by herring (Clupea harengus) bubble release, Aquatic Living Resources, 2003
- Improbable Research, The 2004 Ig Nobel Prize in Biology, 2004