🗣️ Sprache & Humor

Wie Gebärdensprachen das Furzen ausdrücken

Gebärdensprachen sind vollwertige, natürliche Sprachen — mit eigener Grammatik, Phonologie und einem reichen Wortschatz für alle Lebensbereiche, einschließlich Körperfunktionen. Wie Gehörlosengemeinschaften weltweit das Furzen zeichnen, zeigt auf faszinierende Weise, wie Sprache zwischen Ikonizität (ein Zeichen sieht aus wie das, was es bedeutet) und Konvention navigiert — und wie Humor und Tabu in Zeichensprachen verhandelt werden.

Das Zeichen für 'furzen' in ASL und DGS

In der American Sign Language (ASL) gibt es mehrere Zeichen für 'fart', die je nach Region und Kontext variieren. Das häufigste: Eine Hand (oder beide) wird flach hinter das Gesäß gehalten und eine wegwischende oder weg-blasende Bewegung ausgeführt. Eine Variante hält eine Faust mit ausgestrecktem Daumen hinter das Gesäß — der Daumen repräsentiert den Abgang. In der Deutschen Gebärdensprache (DGS) ist das Zeichen ähnlich ikonisch: Eine Handbewegung, die das Aufsteigen von Gas visualisiert, oft kombiniert mit einem entsprechenden Mundmuster (dem 'Mundgestus', der lautmalerisch den Klang andeutet). Beide Zeichen sind eindeutig ikonisch — sie imitieren die Herkunft und Richtung des Gases. Das zeigt eine grundlegende Eigenschaft von Gebärdensprachen: Bei körperbezogenen Begriffen ist Ikonizität besonders häufig, weil Körper und Raum direkt abbildbar sind.

Ikonizität vs. Arbitrarität: Wie Zeichen entstehen

Sprachwissenschaftler unterscheiden zwischen ikonischen Zeichen (das Zeichen ähnelt dem Referenten) und arbiträren Zeichen (keine Ähnlichkeit). Lautsprachen sind überwiegend arbiträr — das Wort 'Furz' sieht nicht aus wie ein Furz. Gebärdensprachen haben einen höheren Anteil an Ikonizität, besonders für körperliche und räumliche Konzepte. Das Zeichen für 'furzen' ist in fast allen bisher untersuchten Gebärdensprachen ikonisch — entweder durch Verweis auf die Körperstelle, die Bewegung des Gases, oder beides. Dennoch gibt es arbiträre Elemente: In welcher Hand, wie hoch, wie schnell — diese Parameter sind konventionell und müssen erlernt werden. Die Forschung von William Stokoe (1919–2000), der als Erster die linguistische Struktur der ASL systematisch beschrieb, zeigte, dass auch stark ikonische Zeichen einer Grammatik folgen und sich wie Wörter verhalten — trotz visueller Ähnlichkeit mit dem Referenten.

Humor und Tabu in Gehörlosengemeinschaften

Körperhumor ist in Gehörlosengemeinschaften weltweit ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaftskultur. 'Deaf humor' — Humor, der sich an Gehörlose richtet und oft Körperlichkeit, Gebärdensprach-Wortspiele und Situationskomik umfasst — hat eine eigene Tradition, die in Gehörlosenschulen und -clubs gepflegt wird. Das Furz-Zeichen ist in diesem Kontext ein klassisches Element: Es ist visuell unmittelbar, kann variiert und übertrieben werden (längere Bewegung = lauter Furz, schnelle kurze Bewegung = leiser stiller Furz), und löst in Gemeinschaftssituationen verlässlich Lachen aus. Interkulturelles Gebärdensprachenforschung zeigt, dass Furz-Witze in der International Sign (einer pidginartigen Kommunikationsform zwischen Gehörlosen verschiedener Länder) besonders gut funktionieren, weil die ikonischen Zeichen international verstanden werden.

Kulturelle Unterschiede: Wie zeichnen andere Länder?

Obwohl Gebärdensprachen ikonische Wurzeln haben, sind sie kulturell unterschiedlich — auch für Körperfunktionen. In der japanischen Gebärdensprache (JSL) ist das Zeichen für 'furzen' anders als in der ASL, obwohl beide ikonisch sind: JSL betont den Ort, ASL die Bewegung. In arabischen Gebärdensprachen (es gibt mehrere, da arabische Länder unterschiedliche Sprachen entwickelt haben) sind Körperfunktionen stärker mit Scham belegt — entsprechend ist das Zeichen dezenter und weniger humoristisch konnotiert. Die britische Gebärdensprache (BSL) unterscheidet sich erheblich von der ASL, obwohl beide Länder Englisch sprechen — ein Beweis dafür, dass Gebärdensprachen nicht von Lautsprachen abgeleitet sind, sondern eigene Entwicklungslinien haben. Das Furz-Zeichen in der BSL ist ein anderes als in der ASL. Sprachliche Vielfalt gilt auch für das Sprechen über den menschlichsten aller biologischen Vorgänge.

Wusstest du?

Fun Fact

In einer Studie zum Erwerb von Gebärdensprache bei Kindern zeigte sich, dass gehörlose Kinder das Zeichen für 'furzen' oft zu den ersten 20 Zeichen gehört, die sie spontan und kreativ einsetzen — noch bevor sie viele 'nützlichere' Zeichen für Alltagsgegenstände beherrschen. Linguisten interpretierten das als Hinweis darauf, dass der emotionale und soziale Kontext (Lachen, Reaktion der Eltern) das Erlernen von Tabuwörtern beschleunigt — ein Befund, der auch für Lautsprachen gilt.

Quellen

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