He-Gassen: Japanische Furz-Rollbilder aus der Edo-Zeit
In japanischen Museen und Privatsammlungen befinden sich farbenfrohe Rollbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die eine außergewöhnliche Wettkampfform zeigen: Menschen, die miteinander um die weiteste, lauteste oder treffsicherste Windabgabe konkurrieren. Diese 'He-Gassen' (屁合戦, wörtlich: Furz-Schlachten) sind sowohl Kunstwerke als auch politische Satire — und ein einzigartiges Fenster in die Edo-Gesellschaft.
Was die Scrolls zeigen
Die bekanntesten He-Gassen-Scrolls stammen aus der späten Edo-Periode (17.–19. Jahrhundert) und werden verschiedenen unbekannten Künstlern zugeschrieben. Sie zeigen Menschen in Wettbewerbssituationen: Manche versuchen, mit ihrem Darmgas Gegenstände wegzublasen — Hüte, Kirschblüten, sogar andere Menschen. Andere zeigen Wettkämpfe, bei denen Gruppen von Männern und Frauen ihre Winde gegeneinander richten, während Zuschauer die Stärke beurteilen. Die Darstellungen sind detailliert, farbenfroh und komödiantisch übertrieben — Winde werden als sichtbare Luftströme dargestellt, Menschen werden durch die Kraft des Gases durch die Luft geschleudert. Trotz des absurden Inhalts ist die Ausführung oft von hoher künstlerischer Qualität im Stil der Ukiyo-e-Malerei.
Politische Satire unter dem Deckmantel des Humors
He-Gassen waren nicht nur Spaß — sie enthielten häufig subtile politische Botschaften. In der Edo-Zeit (1603–1868) unterlag Japan einer strengen Zensur durch das Tokugawa-Shogunat. Direkte politische Kritik war gefährlich. Der Furz als Sinnbild — lautes, unkontrollierbares, gesellschaftlich verpöntes Phänomen — wurde von Künstlern verwendet, um Macht, Hierarchie und gesellschaftliche Normen zu kommentieren. Wenn ein einfacher Bauer mit seinem Darmgas einen hochrangigen Samurai zu Boden wirft, spricht das Bild für sich. Ähnliche Techniken nutzten europäische Karikaturisten derselben Epoche: Das Unkontrollierbare des Körpers als Metapher für den Widerstand gegen Autorität.
Vorläufer und Tradition
Die He-Gassen haben Vorläufer im japanischen Humor. Die Toba-e-Tradition (ab dem 12. Jahrhundert) enthielt bereits scherzhaft-grobe Cartoons, die Körperfunktionen thematisierten. Frühe He-Gassen-Szenen finden sich in Bildrollen des 15. Jahrhunderts. In der Muromachi-Zeit kursierten Geschichten über 'He-hiro' — Menschen mit übermäßiger Blähungsproduktion, die als Unterhalter oder Wundermänner galten. Der legendäre 'Fukutomi Zoshi'-Scroll (ca. 14. Jahrhundert) zeigt bereits einen Furz-Wettbewerb mit Preisgeldern und Publikum — ein Vorläufer des Musikfestival-Konzepts, nur mit anderen Instrumenten.
He-Gassen heute: Museen und Popkultur
Originale He-Gassen-Scrolls befinden sich heute in verschiedenen japanischen Museen sowie in Privatsammlungen in den USA und Europa. Das Kyoto Prefectural Library and Archives besitzt mehrere Exemplare. In den letzten Jahren wurden die Bilder viral in sozialen Medien: Ein Tweet mit einem He-Gassen-Ausschnitt aus 2019 erzielte mehrere Millionen Aufrufe. Das Interesse ist dabei nicht nur amüsiert-distanziert — Kunsthistoriker schätzen die Scrolls als wichtige Quelle für das Alltagsleben und die Humorkultur der Edo-Zeit. Reproduktionen und merchandise sind heute in Japan als Souvenirs erhältlich.
Wusstest du?
- He-Gassen (屁合戦) bedeutet wörtlich 'Furz-Schlachten' — Wettbewerbe um die weiteste oder lauteste Windabgabe.
- Die Bilder enthielten politische Satire: Ein Bauer, der einen Samurai mit seinem Wind niederwirft, war eine clevere Kritik an der Ständegesellschaft.
- He-Gassen wurden in der Edo-Zeit als legitime Kunstform geschaffen — oft im Stil der berühmten Ukiyo-e-Malerei.
- Ein Twitter-Post mit einem He-Gassen-Ausschnitt erzielte 2019 mehrere Millionen Aufrufe.
Fun Fact
Der japanische Begriff für Furz — 'He' (屁) — hat eine lange literarische Geschichte. Im mittelalterlichen Haiku-Stil wurde 'He' gelegentlich als humorvolles Kigo (Jahreszeitwort) verwendet. Ein berühmtes Beispiel stammt angeblich von Matsuo Bashō, dem Meister des Haiku, der einen Schüler mit einem Furz-Haiku geneckt haben soll — wobei die Authentizität dieser Geschichte umstritten ist.
Quellen
- Screech, T. (2009). Sex and the Floating World: Erotic Images in Japan 1700–1820. Reaktion Books.
- Kern, A.L. (2006). Manga from the Floating World: Comicbook Culture and the Kibyoshi of Edo Japan. Harvard University Asia Center.
- Papp, Z. (2010). Traditional Cartoon Art: The Toba-e Tradition in Japanese Art. Nihon Mangakenkyukai.
- Smith, H.D. (1988). Hokusai: One Hundred Views of Mt. Fuji. George Braziller.