Das Faultier: Das Säugetier, das durch die Haut furzt
Faultiere sind in vielerlei Hinsicht biologische Ausnahmeerscheinungen: Sie verbringen ihr Leben kopfüber, schlafen bis zu 20 Stunden am Tag, und benötigen Wochen für eine vollständige Verdauung. Aber die kurioseste Tatsache ihrer Verdauungsbiologie ist diese: Faultiere furzen kaum durch den Hintern. Stattdessen wird ein Großteil des Fermentationsgases durch die Lunge ausgeatmet oder — tatsächlich — durch die Haut absorbiert. Eine Entdeckung, die selbst erfahrene Biologen überraschte.
Das langsamste Verdauungssystem unter den Säugetieren
Dreizehen-Faultiere (Bradypus tridactylus) haben die langsamste Verdauung aller bekannten Säugetiere. Ihre Körpertemperatur variiert je nach Außentemperatur (sie sind mesotherm), ihr Stoffwechsel liegt bei nur 40–74% des für ihre Körpergröße erwarteten Wertes, und die Passage einer Mahlzeit durch den Verdauungstrakt dauert schätzungsweise 150–180 Stunden — also eine volle Woche. Zum Vergleich: Beim Menschen beträgt die Transitzeit 24–72 Stunden. Diese extreme Verlangsamung gibt den Darmbakterien enorm viel Zeit zur Fermentation. Gemessen an der Verweildauer im Darm müssten Faultiere eigentlich enorme Gasmengen produzieren. Stattdessen ist das Gegenteil der Fall: Faultiere erzeugen relativ wenig Darmgas, und das aus einem überraschenden Grund.
Gas durch die Lunge statt durch den Hintern
Biologen der Universität Wisconsin entdeckten in einer Studie aus dem Jahr 2014, dass der überwiegende Teil des Fermentationsgases bei Faultieren nicht als Furz, sondern über die Lunge als Atemgas abgegeben wird. Darmgase — insbesondere Methan und CO₂ — werden bei Faultieren zu einem ungewöhnlich hohen Anteil durch die Darmwand ins Blut absorbiert und dann von der Lunge abgeatmet. Dieser Weg des 'pulmonalen Gasing' ist bei anderen Säugetieren deutlich weniger ausgeprägt. Die Konsequenz: Faultiere furzen tatsächlich sehr wenig durch den Anus — und was als Furz herauskommt, ist volumenmäßig gering. Die Biologen formulierten es unverblümt: 'Sloths do not fart. They breathe their farts.'
Die Rolle der Haut: Gasabsorption durch den Körper
Ein weiteres ungewöhnliches Detail: Bei einigen Faultierarten wurde nachgewiesen, dass Gas auch über die Haut absorbiert wird. Faultiere haben ein spärliches Fell mit Rissen und Rillen, in denen Algen wachsen (eine einzigartige Symbiose), und eine Körperoberfläche, die aufgrund ihrer geringen Bewegung wenig Wärme erzeugt. Gasmessungen an Faultieren in Gefangenschaft zeigten, dass die abgegebene Atemluft einen deutlich erhöhten Methan- und CO₂-Anteil hat — konsistent mit der Hypothese, dass intestinal produziertes Gas sistemisch absorbiert und pulmonal ausgeschieden wird. Es ist bis heute nicht vollständig geklärt, wie groß der Anteil der dermalen (durch die Haut) versus pulmonalen Gasabgabe ist.
Warum ist das evolutionär sinnvoll?
Die Reduktion analer Gasabgabe beim Faultier hat möglicherweise evolutionäre Vorteile. Faultiere leben als leichte Beutetiere in Baumkronen, wo sie durch Bewegungslosigkeit und Tarnung Raubtieren entgehen. Geruch ist ein wichtiger Kanal, über den Raubtiere Beute aufspüren. Ein Tier, das durch Furzen Geruchssignale aussendet, erhöht sein Entdeckungsrisiko. Die Evolution hin zur pulmonalen Gasabgabe könnte daher ein Anpassungsmechanismus sein, der die olfaktorische Erkennbarkeit durch Raubtiere minimiert. Diese Hypothese ist plausibel, aber noch nicht direkt durch Studien belegt.
Wusstest du?
- Faultiere furzen kaum aus dem Hintern — sie 'atmen' den Großteil ihres Fermentationsgases durch die Lunge aus.
- Die Verdauung eines Faultiers dauert bis zu einer Woche — die langsamste aller bekannten Säugetiere.
- Faultiere haben einen Stoffwechsel von nur 40–74% des für ihre Größe erwarteten Wertes.
- In den Fellrillen von Faultieren wachsen Algen — eine einzigartige Symbiose im Tierreich.
Fun Fact
Als die Studie über 'atmende Faultiere' 2014 veröffentlicht wurde, ging die Schlagzeile 'Sloths Don't Fart, They Breathe Their Farts' viral. Die Forscherin Dr. Rebecca Cliffe, die hauptsächlich für ihre Faultier-Telemetrie-Forschung bekannt ist, wurde plötzlich von internationalen Medien mit Fragen zu Faultier-Blähungen überhäuft — ein Schicksal, das sie in einem Interview als 'die kuriose Kehrseite seriöser Feldforschung' bezeichnete.
Quellen
- Cliffe, R.N. et al. (2015). Mitigating the squash effect: sloths breathe easily upside down. Biology Letters, 11(4), 20150107.
- Montgomery, G.G. & Sunquist, M.E. (1978). Habitat selection and use by two-toed and three-toed sloths. In: The Ecology of Arboreal Folivores. Smithsonian Press.
- Britton, S.W. (1941). The sloth: its metabolism and nervous system. American Journal of Physiology, 132(2), 350–358.