SIBO und Flatulenz: Wenn Bakterien am falschen Ort wachsen
Das Syndrom der bakteriellen Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO) ist eine der am häufigsten missverstandenen und unterdiagnostizierten Ursachen für chronische Blähungen. Wenn Bakterien, die normalerweise im Dickdarm leben, den Dünndarm besiedeln, sind die Verdauungsfolgen erheblich — und werden häufig fälschlicherweise dem Reizdarmsyndrom zugeschrieben.
Was ist SIBO? Bakterien am falschen Ort
Der Dünndarm ist eine relativ bakterienarme Umgebung. Bei gesunden Erwachsenen enthält er etwa 10³–10⁵ Bakterien pro Milliliter Darmflüssigkeit, verglichen mit 10¹¹–10¹² pro Milliliter im Dickdarm. Mehrere Schutzmechanismen halten diese niedrige Keimzahl aufrecht: Magensäure vernichtet die meisten eintreffenden Bakterien; Galle und Bauchspeicheldrüsenenzyme haben bakterizide Eigenschaften; die Darmmotilität spült Bakterien zwischen den Mahlzeiten nach unten; und die Ileozökalklappe wirkt als physische Barriere. Wenn einer dieser Mechanismen versagt, können Bakterien aus dem Dickdarm den Dünndarm in abnormer Zahl besiedeln. SIBO ist klinisch definiert als mehr als 10⁵ koloniebildende Einheiten pro Milliliter Aspirat aus dem proximalen Dünndarm. Das klinische Spektrum reicht von leichtem Blähbauch bis hin zu schwerer Malabsorption mit Gewichtsverlust und Mangel an Vitamin B12, D und fettlöslichen Nährstoffen. Schätzungen zufolge betrifft SIBO 6–15 % gesunder Erwachsener und 30–85 % der Patienten mit Reizdarmsyndrom.
Warum SIBO übermäßige Blähungen verursacht
Der Zusammenhang zwischen SIBO und Blähungen ist direkt und mechanistisch. Im gesunden Darm werden Nahrungskohlenhydrate im Dünndarm effizient absorbiert, bevor sie den bakterienreichen Dickdarm erreichen. Bei SIBO treffen Bakterien im Dünndarm diese Kohlenhydrate vorzeitig und fermentieren sie vor Ort, wobei sie abnorm große Mengen Wasserstoff, Methan und Kohlendioxid produzieren. Das Ergebnis ist rasches, starkes Blähgefühl 15–60 Minuten nach dem Essen. Der wasserstoffdominante Typ verursacht typischerweise Durchfall, weil Wasserstoff die Darmpassage beschleunigt. Der methandominante Typ — oft als intestinale Methanogen-Überwucherung (IMO) klassifiziert — verursacht Verstopfung, weil Methan die Darmmotilität direkt verlangsamt. Eine dritte Variante, der schwefelwasserstoffdominante SIBO, ist bekannt für besonders übel riechende Winde.
Diagnose: Der Wasserstoff-Atemtest
Der Wasserstoff-Atemtest bietet eine nicht-invasive Alternative zur aufwendigen Endoskopie. Der Patient fastet über Nacht, trinkt eine Zuckerlösung — typischerweise Glukose oder Laktulose — und atmet dann in regelmäßigen Abständen über zwei bis drei Stunden in Sammelbeutel. Wenn Bakterien im Dünndarm den Zucker fermentieren, wird der entstehende Wasserstoff oder Methan über die Lunge ausgeatmet und erzeugt einen abnorm frühen Anstieg der Gaskonzentration in der Ausatemluft. Ein Anstieg von 20 oder mehr ppm Wasserstoff innerhalb von 90 Minuten gilt nach den meisten internationalen Leitlinien als diagnostisch für SIBO. Der Glukosetest hat eine höhere Spezifität, erkennt aber nur proximalen SIBO; der Laktulosetest deckt einen breiteren Bereich ab. Die Methanmessung ermöglicht die Identifizierung der methanproduzierenden Variante.
Behandlung und das Rückfallproblem
Die Standardbehandlung bei SIBO ist eine Antibiotikatherapie, am häufigsten mit Rifaximin — einem nicht resorbierbaren Antibiotikum, das ausschließlich im Darmlumen wirkt. Rifaximin erzielt bei etwa 60–80 % der Fälle eine symptomatische Remission. Bei methandominantem SIBO liefert die Kombination mit einem zweiten Antibiotikum deutlich bessere Ergebnisse. Die zentrale Herausforderung ist der Rückfall: Ohne Behandlung der Ursache liegen die Rückfallraten bei 40–50 % innerhalb von neun Monaten. Prädisponierende Zustände umfassen Hypochlorhydrie (häufig durch Protonenpumpenhemmer verursacht), beeinträchtigte Darmmotilität, anatomische Anomalien sowie Immundefekte. Die Low-FODMAP-Diät kann Symptome erheblich reduzieren, ohne die Überwucherung zu beseitigen. Die Rolle von Probiotika bei SIBO ist umstritten.
Wusstest du?
- SIBO ist definiert als mehr als 10⁵ Bakterien pro Milliliter Dünndarmflüssigkeit — der Dickdarm hat 10¹¹, der Dünndarm sollte weit weniger haben.
- Der Wasserstoff-Atemtest diagnostiziert SIBO nicht-invasiv: Bakterien produzieren Wasserstoff, der in die Lunge gelangt und ausgeatmet wird.
- Methandominanter SIBO (auch IMO genannt) verursacht Verstopfung, weil Methan die Darmmotilität direkt verlangsamt.
- Rifaximin, das wichtigste Antibiotikum bei SIBO, wird nicht resorbiert — es wirkt auf Bakterien im Darmlumen, ohne in den Blutkreislauf einzutreten.
Fun Fact
Der Begriff SIBO gelangte erst um das Jahr 2000 in den medizinischen Mainstream, obwohl der Zustand bereits 1966 von Donaldson beschrieben wurde — bei Patienten mit dem Blindschleifen-Syndrom durch chirurgische Bypass-Anastomosen. Der moderne Wasserstoff-Atemtest ermöglicht eine eindeutige Diagnose in einem einzigen ambulanten Termin statt einer Operation.
Quellen
- Ghoshal, U.C. et al. (2017). Small Intestinal Bacterial Overgrowth and Irritable Bowel Syndrome. Journal of Gastroenterology and Hepatology.
- Pimentel, M. (2016). Evidence-based management of irritable bowel syndrome with bacterial overgrowth. American Journal of Gastroenterology.
- Rezaie, A. et al. (2017). Hydrogen and Methane-Based Breath Testing in Gastrointestinal Disorders. American Journal of Gastroenterology.