Pilze und Blähungen: Warum Pilze Flatulenz auslösen können
Pilze gelten als kalorienarmes, nährstoffreiches Lebensmittel, doch viele Menschen bemerken nach einer ordentlichen Portion vermehrtes Völlegefühl und Blähungen. Der Grund liegt in einer eigenartigen Mischung aus Pilzfasern und Zuckeralkoholen, die der menschliche Darm schlicht nicht selbst aufspalten kann.
Die unverdauliche Bauweise der Pilze
Anders als Pflanzen, die ihre Zellwände aus Zellulose aufbauen, bilden Pilze ihre Zellwände aus Chitin – demselben zähen Polymer, das in den Panzern von Krabben und den Außenskeletten von Insekten steckt. Der Mensch produziert kein Chitinase-Enzym, das Chitin in nennenswerten Mengen spalten könnte, sodass diese Strukturfaser den Dünndarm weitgehend unversehrt passiert. Pilze enthalten außerdem Beta-Glucane und hemizelluloseähnliche Polysaccharide, die unseren Verdauungsenzymen widerstehen. Gelangen diese Fasern in den Dickdarm, werden sie zur Nahrung für die Billionen dort lebender Bakterien. Die Mikroben vergären, was wir nicht verdauen können, und ein natürliches Nebenprodukt dieser Gärung ist Darmgas. Je fester und faserreicher der Pilz – man denke an Shiitake-Stiele oder getrocknete Sorten –, desto größer die unverdauliche Last und desto mehr Rohmaterial steht dem Dickdarm zur Verfügung.
Mannit und das Zuckeralkohol-Problem
Über die Fasern hinaus sind Pilze von Natur aus reich an Mannit, einem Zuckeralkohol (Polyol), den der Körper nur langsam und unvollständig aufnimmt. Mannit gehört zum „P“ im Akronym FODMAP – fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole –, einer Gruppe von Kohlenhydraten, die bei empfindlichen Menschen nachweislich Blähungen und Völlegefühl auslösen. Da der Dünndarm nur eine begrenzte Menge Mannit auf einmal aufnehmen kann, gelangt der Überschuss in den Dickdarm, wo er zweierlei bewirkt: Er zieht durch Osmose Wasser in den Darm und liefert gasbildenden Bakterien ein schnelles Festmahl. Diese Kombination erklärt, warum eine große Portion Pilze manche Menschen aufgebläht und windig zurücklässt, während eine kleine Portion gar keine Probleme macht. Champignons, Portobello und Cremini gehören zu den mannitreicheren Sorten.
Wie Darmbakterien Pilze in Gas verwandeln
Die Blähungen selbst werden vom Darmmikrobiom hergestellt. Wenn Bakterien wie Bacteroides und Bifidobakterien Pilzfasern und Mannit vergären, setzen sie Wasserstoff, Kohlendioxid und bei manchen Menschen Methan frei. Es sind dieselben Gase, die den Darm aufblähen und schließlich als Flatus entweichen. Die genaue Menge schwankt enorm von Mensch zu Mensch, weil jeder eine einzigartige Gemeinschaft von Mikroben beherbergt; ein Darm, der reich an wasserstoffverbrauchenden Methanbildnern oder sulfatreduzierenden Bakterien ist, erzeugt ein anderes Gasprofil als einer, in dem andere Arten dominieren. Auch die Geschwindigkeit der Gärung spielt eine Rolle – rasch vergärbare Polyole wie Mannit können einen plötzlichen Gasschub erzeugen, während langsamer vergärende Fasern es allmählicher freisetzen. Deshalb können zwei Menschen, die dasselbe Pilzgericht essen, danach völlig unterschiedliche Erfahrungen machen.
Pilzbedingte Blähungen in den Griff bekommen
Man muss Pilze nicht aufgeben, um sich wohlzufühlen. Gründliches Garen erweicht die chitinreichen Zellwände und macht den ganzen Pilz leichter verdaulich, was die Beschwerden oft verringert – im Vergleich zu rohen Scheiben im Salat. Ebenso wirksam ist es, die Portionsgröße zu kontrollieren, denn mannitbedingtes Gas ist dosisabhängig: Eine bescheidene Portion kann bestens vertragen werden, wo eine große Schwierigkeiten macht. Menschen, die bei Reizdarm eine Low-FODMAP-Strategie verfolgen, wird häufig geraten, mannitreiche Pilze zu begrenzen und stattdessen Austernpilze zu wählen, die polyolärmer und besser verträglich sind. Ausreichend trinken, langsam essen und gut kauen helfen dem Verdauungssystem ebenfalls. Schließlich kann regelmäßiger Kontakt das Darmmikrobiom allmählich zu effizienterer Gärung verschieben, sodass gelegentliche Blähungen nach Pilzen selten Anlass zur Sorge sind.
Schon gewusst?
- Die Zellwände von Pilzen bestehen aus Chitin – demselben Material wie Krabbenpanzer und Insektenskelette.
- Mannit, ein natürlicher Zuckeralkohol in Pilzen, ist das „Polyol“, das bei FODMAP-empfindlichen Menschen Blähungen auslösen kann.
- Austernpilze gehören zu den FODMAP-ärmsten Sorten und werden oft besser vertragen als Champignons.
- Gründliches Garen baut zähe Pilzfasern ab und kann pilzbedingte Blähungen spürbar verringern.
Fun Fact
Mannit wurde zuerst aus dem getrockneten Saft der Blumenesche (Manna) gewonnen – daher stammt auch die Verbindung zum biblischen „Manna“ und der Name des Zuckeralkohols –, und es ist genau dieselbe Verbindung, die einen großen Teller Pilze etwas blähend macht.
Quellen
- Gibson PR, Shepherd SJ, 'Evidence-based dietary management of functional gastrointestinal symptoms: The FODMAP approach', Journal of Gastroenterology and Hepatology, 2010
- Monash University, 'The Monash University Low FODMAP Diet', 2021
- Lenhart A, Chey WD, 'A Systematic Review of the Effects of Polyols on Gastrointestinal Health and Irritable Bowel Syndrome', Advances in Nutrition, 2017